Wie die Taube Lorchen zu uns kam

An einem verregneten Tag Anfang Mai, sah mein Mann wie eine junge Stadttaube von 2 Krähen angegriffen wurde und wie ein Stein vom Dach eines gegenüber liegenden Hauses fiel. Und nun sass das Tier  mitten auf unserer Spielstrasse. Ich ging raus. Da saß es mit ein paar dicken Bluttropfen auf dem Kropf. Da wir 3 Katzen haben, konnte ich Täubchen nicht mit rein nehmen und setzte es in ein Gebüsch und hoffte, dass die Eltern es finden würden.

Gegen Abend, es regnete immer noch, ging mir die junge Taube nicht aus dem Kopf. Ich musste nachsehen. Sie saß immer noch da.

Sofort orderte ich von meinem Mann die rote Klappkiste für meine Waschmaschinenwäsche mit entsprechender Handtuchpolsterung. Ich setzte den Nestling rein und nahm sie mit in die Wohnung. Wenn sie denn schon sterben musste, dann wenigstens im Trocknen. Aber wie sollte ich meinen Katzen beibringen, dass das keine Frühstück für sie war. Na, auf jeden Fall erst mal rein und sehen wie gross die Verletzungen waren. Bis auf die Pickverletzungen schien sie nichts zu haben. Aber das war auch schon schlimm genug, denn ihr rechtes Auge schwoll zu.

Ich warf meinen Computer an und googelte erst mal. Ich fand auch ein Taubenzüchter-Forum. Man half mir und Täubchen dort. Ich bekam gesagt, wie und wieviel ich meinem Täubchen zu fressen geben musste. Gott sei Dank, hatte ich noch eine saubere unbenutzte Spritze vom Patrone-Nachfüllen. Genau das Richtige um Lorchen, wie ich die kleine Taube bereits genannt hatte, Kartoffelbrei, etwas Katzenfutter, Traubenzucker und gekochtes Eigelb in den Kropf zu spritzen. Mal gab es auch aufgeweichtes Toastbrot oder einen Brei aus gekochten Erbsen.

Meine Katzen durften an Lorchen schnüffeln, bekamen dann aber gesagt, dass dies meine Taube sei. Schienen sie zu verstehen, denn keine war jemals eine Gefahr. Tagsüber saß das Federbällchen auf meiner Schulter und nachts stellte ich die rote Kiste an die Heizung im Badezimmer, denn es brauchte noch Nestwärme. Sogar zum Einkauf im Tante-Emma-Laden an der Ecke kam sie mit. Was  auf unserer Strasse für Beifall, aber auch für Unverständnis sorgte. Die Meinung alle Tauben seien krank ist doch sehr weit verbreitet. Und stimmt doch so gar nicht. Um mit diesem Vorurteil aufzuräumen, möchte ich allen Interessierten dieses Stadttauben-Special ans Herz legen.

Die Tage vergingen und die Verletzungen heilten. Langsam fing Lorchen an Körner zu picken. Die federlosen Stellen unter den Flügeln wurden immer kleiner, das Brustbein verschwand unter Gefieder und die Krallenschützer waren abgefallen. Jetzt hatten wir es geschafft. Sie würde überleben. Man sollte das Auswildern ins Auge fassen.

Da ich mit einer meiner Katzen zum Tierarzt musste, nahm ich Lorchen einfach mal mit. Er meinte, ich solle es noch ein paar Tage aufpäppeln, das es noch sehr klein sei. Ansonsten war er zufrieden. Und ich natürlich auch.

Unser Täubchen hatte mich voll und ganz als Mutter akzeptiert. Wenn ich selbst was aß, wurde ich mit lautem Gepiepse und Flügelschlagen aufgefordert, was ab zu geben. Und wenn ich das nicht tat, landete Lorchen der Einfachheit halber gleich in meinem Teller. Also bekommt Lorchen immer ein Mokka-Tellerchen mit Fresschen, bevor ich was zu mir nehme. Gekonnt sortiert sie aus, was sie mag. Was ihr nicht passt, fliegt mit  Schwung an die Küchenkacheln oder auch auf meine Brille. Mich lässt sie nicht aus den Augen. Sie folgt mir bei Schritt und Tritt, meist trippelnder Weise durch die ganze Wohnung. Läuft ihr eine der Katzen über den Weg, flüchtet sie sofort auf meine Schulter.

Seit Pfingst-Samstag hat sie das mit dem Schlafzimmer auch begriffen. Das Bett ist Frauchens Nest. Und da darf sie auch mit rein, meint sie. Aber was soll ich tun. Mein Mittagsschläfchen bewacht sie auf mir sitzend auf einem Bein und abends kann ich mich nur retten, wenn ich ihr einfach das Licht in der Küche ausmache. Dann kann sie nichts sehen und schläft dann in ihrer Klappkiste. Aber sobald die erste Dämmerung einsetzt, kommt sie zu mir ins Bett und kuschelt sich wie eine Ente ein. Sie liebt die Weichheit des Bettes und macht dort auch Flugübungen. Und sie hat mir endlich beigebracht, dass Bettwäsche nicht unbedingt gebügelt werden muss. Die Hinterlassenschaften nehme ich gerne in Kauf für all die Liebe und Zutraulichkeit, die mir dieses Tier schenkt.

Während ich dies hier schreibe, liegt sie unter’m Schreibtisch, neben meinen Füssen, wie ein treues Hündchen.

Das Fenster ist schon wegen der Katzen Tag und Nacht auf und sie kann fliegen wenn sie möchte. Ich habe sie auch schon rausgeworfen. Da ist sie nur einen schicken Bogen geflogen und ist gleich wieder rein.

Wenn ihr ein schicker Tauben-Junggesellen vielleicht mal den Kopf verdreht, wird sie wohl gehen. Aber ich glaube sie wird wieder kommen. Und ihre rote Klappkiste wird dann auf der Mikrowelle stehen. Und ich werde wieder gerne mein Frühstücksbrot mit ihr teilen. Wobei sie Cervelatwurst Marmelade vorzieht.

 

Samstag, der 19. Juni 2004

Leider ist Lorchen nun doch weggeflogen.

Oder vielleicht sollte ich sagen Gott sei Dank. Ich wollte sie gesund pflegen und das hat geklappt. Ich hatte sie 7 Wochen und konnte ohne sie keinen Schritt tun. Aber in der letzten Woche lernte sie zu gurren und ich glaube es war kein Lorchen, sondern ein Lorenz. Und dieser Lorenz braucht nun seine Mutter nicht mehr.

Ich hatte sie zum 20sten Mal am Fenster rausgeschmissen und diesmal flog sie keine Kurve, sondern flog auf das Dach des gegenüber liegenden Hauses. Dort saß sie noch ca. eine Viertelstunde und sah runter zu unserem Fenster. Dann war sie auf einmal weg.

Tauben gehören nicht in eine Wohnung und schon gar nicht in eine Küche.  Aber ich würde jederzeit wieder eine verletzte Taube aufnehmen und versuchen sie gesund zu pflegen.

Der Mensch hat diese wilden Haustauben verursacht. Und nun verschreit er sie als Bazillenträger und Ratten der Lüfte.

Weder ich noch mein Mann oder eine meiner Katzen sind durch diese Taube krank geworden, obwohl sie mir die Bissen teilweise aus dem Mund geklaut hat. Sie hat mich ja als ihre Mutter angesehen.

Und die Häufchen, die angeblich Mauerwerk zersetzen oder was weiss ich, haben nicht mal in meinen Seidenblusen Flecken hinterlassen, die nicht bei der Wäsche rausgegangen sind.

Jeder Wassertropfen macht auf Holz einen Fleck, der kaum noch zu entfernen ist, Taubenhäufchen aber nicht. Dass unsere Denkmäler kaputt gehen, sind nicht die Tauben schuld, sondern der Mensch, der nur Abgase in die Weltgeschichte pumpt, die so mit Gift versetzt sind, dass sie alles zerfressen.

Ich hoffe, dass Lorchen niemals zu den gejagten Tauben gehört, die mit Luftgewehren beschossen, vergiftet oder aufgespießt werden, oder was weiss ich welche schrecklichen Sachen der Mensch sich noch ausdenkt um der Taubenplage Herr zu werden.

Die Taube ist seit Jahrtausenden das Symbol des Friedens. Nicht umsonst. Ich weiss heute warum das so ist. Es gibt kaum ein liebevolleres Tier als die Taube. Hört auf sie zu hassen.

Lorchen5

taube

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